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Forschungsprojekt zur Sammlung Wallmoden

Anton von Maron, Johann Ludwig Wallmoden-Gimborn und seine erste Frau Charlotte Christiane, geb. von Wangenheim, um 1769, Öl auf Leinwand, 156 x 119,7 cm, ehemals Sammlung Wallmoden, heute in Privatbesitz
Anton von Maron, Johann Ludwig Wallmoden-Gimborn und seine erste Frau Charlotte Christiane, geb. von Wangenheim, um 1769, Öl auf Leinwand, 156 x 119,7 cm, ehemals Sammlung Wallmoden, heute in Privatbesitz

Die Hannoveraner Kunstsammlung des Reichsgrafen und illegitimen Sohns König Georgs II., Johann Ludwig Wallmoden-Gimborn (1736-1811), zählte bis zu ihrer Auflösung in einer Auktion im Jahre 1818 zu den bedeutendsten in Norddeutschland. Im Rahmen der großen Niedersächsischen Landesausstellung vom 17. Mai bis zum 5. Oktober 2014 führte das Landesmuseum Hannover rund 200 Jahre nach ihrer Zerstreuung über ganz Europa und Nordamerika erstmals Teile der Wallmoden-Galerie wieder in Hannover zusammen. Sie gewährte einen faszinierenden Einblick in das feudale Sammlungswesen des späten Ancien Régime, an der Epochenschwelle zum Aufbau bürgerlicher Hannoveraner Sammlungen von Bernhard Hausmann oder August und Hermann Kestner, und betrifft somit einen Schlüsselmoment der niedersächsischen Kunst- und Kulturgeschichte. Zugleich weist die Wallmoden-Galerie nicht erst durch ihre auktionsbedingte Zerstreuung weit über Deutschland hinaus. Wallmoden, der sich militärisch an der - zunächst vergeblichen - Abwehr der Feldzüge von Napoleons Revolutionsarmee beteiligte, wurde bei seinen in den 1760er Jahren gefällten Kaufentscheidungen von Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) beraten, der 1763 von Papst Clemens XIII. zum Oberaufseher für die Altertümer in Rom ernannt worden war.


Anton von Maron, Johann Joachim Winckelmann, 1768, Öl auf Leinwand, Klassik Stiftung Weimar, Schlossmuseum im Residenzschloss Weimar
Anton von Maron, Johann Joachim Winckelmann, 1768, Öl auf Leinwand

Die Hannoveraner Sammlung spiegelte deshalb nicht nur die persönlichen Vorlieben sowie das von revolutionären Anfeindungen bedrohte Standesbewusstsein Wallmodens wider; ihr lag zudem das von Winckelmann in seinem epochalen Werk, den 1755 in Dresden veröffentlichten Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst niedergeschriebene ästhetische Programm zugrunde, dem Besucher der Wallmoden-Galerie die Vorbildlichkeit der antiken Bildwerke für das abendländische Kunstgeschehen vor Augen zu führen. Diese Gegenüberstellung von antiker Skulptur einerseits und neuzeitlichen Gemälden verschiedener Kunstlandschaften und Sujets andererseits wurde mit der Ausstellung 2014 für die Dauer der Schau in einzigartiger Weise wieder ins Leben gerufen. Das am Landesmuseum Hannover angesiedelte und von der landeseigenen Stiftung PRO Niedersachsen geförderte Forschungsprojekt dient der wissenschaftlichen Tiefenerschließung der mit den Vorbereitungen zur Ausstellung erstmalig geschaffenen Grundlagen und der nachhaltigen Aufarbeitung der bislang zu Unrecht kaum gewürdigten Hannoveraner Kunstsammlung Wallmodens.



Blick in die Wallmoden-Ausstellung im Museum Schloss Herrenhausen 2014
Blick in die Wallmoden-Ausstellung im Museum Schloss Herrenhausen 2014

Ursprünglich 550 Gemälde und über 50 antike Skulpturen hat Wallmoden in seinem eigens zu ihrer Unterbringung errichteten Schlösschen, dem heutigen Georgenpalais, zusammengetragen. Aus diesem ehemaligen Bestand wurden für die Ausstellung der rekonstruierten Wallmoden-Galerie 2014 im Schloss Herrenhausen etwa 35 Gemälde und rund 50 antike Skulpturen ausgewählt; ein großer Teil der gezeigten Gemälde, großzügige Leihgaben aus niedersächsischem Privatbesitz und aus der internationalen Museumswelt, trafen in Hannover zum ersten Mal seit 200 Jahren wieder aufeinander. Zur Vorbereitung der Ausstellung konnte rund ein Viertel des ursprünglichen Bestandes der Gemäldegalerie Wallmodens identifiziert werden.

Im Zentrum des aktuellen Forschungsprojektes steht die möglichst vollständige Rekonstruktion der Geschichte und des Aufbaus der Gemäldesammlung des Grafen. Die Aufarbeitung der Entstehungsgeschichte der Sammlung Wallmoden soll neben ihrer Einordnung in den Kontext der Geschichte des neuzeitlichen Sammelns und der Erhellung der Bezüge sowohl zur regionalen wie europäischen Sammlungskultur den außerordentlichen Rang der Hannoveraner Sammlung herausstellen. Dieser liegt nicht nur in der Qualität der Bilder selbst begründet, sondern kommt der Sammlung auch durch das anspruchsvolle wie avantgardistische ästhetische Programm zu, das die Zusammenführung der von Wallmoden in ganz Europa erworbenen Kunstwerke in Hannover angeleitet hat.

Zugleich sollen die zahlreichen wie komplexen inhaltlichen Querbezüge zwischen Kunst- und Antikensammlung geklärt werden. Das Archäologische Institut der Universität Göttingen verwahrt als Leihgabe des Hauses Hannover mit der Antikensammlung Wallmoden die einzige erhaltene Antikensammlung des 18. Jahrhunderts in Norddeutschland. Sie enthält zahlreiche bedeutende antike Skulpturen, wie die Perseus-Andromeda-Gruppe, die Knöchelspielerin und hoch qualitätvolle Portraits des römischen Kaiserhauses. Daher wird eine wissenschaftliche Veröffentlichung der Sammlung seit langem als Desiderat gesehen. Sie wird vom Archäologischen Institut der Georg-August-Universität realisiert.

Das 18. Jahrhundert, die Entstehungszeit der Wallmoden-Galerie, hat in vielerlei Hinsicht die Gründung von Kunstkammern und -galerien als Nuclei heutiger Museen, so auch des Landesmuseums Hannover, begünstigt. In der englischen Adelsgesellschaft entwickelten sich Kunstsammlungen in Schlössern und Landhäusern, während sich in den deutschen Territorialstaaten diese Ausprägungen der Aufklärung erst allmählich etablierten. Vorreiter war August der Starke in Sachsen, doch angeregt durch die Personalunion mit Großbritannien entstanden auch in Hannover schon früh Antiken- und Kunstsammlungen. Darüber hinaus beförderten Reisen der Oberschicht nach Italien, die Grand Tour, und die beginnende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Antike durch Johann Joachim Winckelmann seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Hinwendung zur Kunst.

Das Forschungsprojekt widmet sich der Sammlung Wallmoden, die aus dem durch die Personalunion in Hannover unmittelbar gegebenen, europaweiten Beziehungsgeflecht hervorgegangen ist. Es ist nach der Vorbildfunktion der britischen Museen und Adelshäuser unter der Herrschaft des Hauses Hannover zu fragen, nach der Rolle Italiens als eine Quelle der Inspiration der von Wallmoden getroffenen Auswahl, und nicht zuletzt nach den Bedingungen des europäischen Kunstmarktes, aus dem Wallmoden seine Sammlungsobjekte überwiegend erhalten hat. Von großem Interesse ist überhaupt die Motivation Wallmodens, eine solche kostspielige wie zeitraubende Sammlung in Hannover in einem eigens dazu errichteten Palais zusammenzutragen, um das er zudem einen englischen Landschaftsgarten, im Übrigen einen der ersten seiner Art in Deutschland, anlegen ließ.



Giovanni Battista Piazzetta, Judith und Holofernes, 1700–1710, Öl auf Leinwand, 146 x 118,5 cm, ehemals Sammlung Wallmoden, heute Landesmuseum Hannover
Giovanni Battista Piazzetta, Judith und Holofernes, 1700–1710, Öl auf Leinwand, 146 x 118,5 cm, ehemals Sammlung Wallmoden, heute Landesmuseum Hannover

Begründet wurde die Gemälde- und Antikensammlung in den 1760er Jahren durch Ankäufe in Venedig und Rom sowie durch die Übernahme der Sammlung Girod in Genf. Es folgten weitere Zukäufe auf den zahlreichen Reisen Wallmodens. Am Londoner Hof erzogen, studierte der junge Wallmoden an der von seinem leiblichen Vater gegründeten Göttinger Universität und in Braunschweig und unternahm anschließend die obligatorische Bildungsreise durch Europa, deren Höhepunkt ein längerer Aufenthalt in Rom im Jahr 1765 war. Unter Anleitung des in Rom ansässigen Johann Joachim Winckelmann erwarb er dort zahlreiche antike und zeitgenössische Kunstwerke, wie dies im britischen Hochadel in dieser Zeit zum guten Ton gehörte. Wallmoden kehrte jedoch nicht nach London zurück, sondern ließ sich, nachdem er 17 Jahre als hannoverscher Gesandter am Kaiserhof in Wien zugebracht hatte, 1783 in Hannover nieder, wo er im Georgengarten ein repräsentatives Palais für seine Sammlungen errichten ließ, in dem sich heute das Deutsche Museum für Karikatur und Zeichenkunst - Wilhelm Busch befindet. Außer den antiken Skulpturen gehörten dazu auch eine Gemäldegalerie und eine umfangreiche Bibliothek sowie eine graphische Sammlung. Das Haus des Grafen und die der Öffentlichkeit zugänglichen Sammlungen bildeten im späten 18. Jahrhundert den Mittelpunkt des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens in der durch die dauernde Abwesenheit des Landesherren geprägten Residenz. Dem verschwenderischen Lebenswandel Wallmodens als galanter Gesellschafter zu Hannovers so genannten »Goldenen Tagen« stand die glücklose Rolle des Oberbefehlshabers der hannoverschen Truppen gegenüber. 1803 kapitulierte Wallmoden kampflos vor den napoleonischen Truppen, was ihm heftige Kritik einbrachte. 1811 starb er verbittert in Hannover. Seine Gemäldegalerie und seine Bibliothek wurden nach seinem Tod versteigert, die Skulpturensammlung jedoch von den Erben an das Welfenhaus verkauft, in dessen Besitz sie sich noch heute befindet.


Diego Velázquez, Portrait eines Mannes, 1630–1635, Öl auf Leinwand, 68,6 x 55,2 cm, ehemals Sammlung Wallmoden, heute im Metropolitan Museum of Art, New York
Diego Velázquez, Portrait eines Mannes, 1630–1635, Öl auf Leinwand, 68,6 x 55,2 cm, ehemals Sammlung Wallmoden, heute im Metropolitan Museum of Art, New York

Die Sammlungen des Grafen von Wallmoden umfassten die erste Antikensammlung Norddeutschlands und eine Gemäldesammlung von herausragender Bedeutung. Während die Erforschung der Antiken auf einem guten Weg ist, ist die Gemäldesammlung seit ihrem Verkauf im Jahr 1818 in alle Winde verstreut und bislang nicht Gegenstand einer wissenschaftlichen Studie gewesen, mit der einzigen Ausnahme des zur Landesausstellung 2014 erschienenen Kataloges. Die kunstgeschichtliche Forschungsliteratur hat, obgleich sie sich in den letzten Jahrzehnten recht intensiv mit dem frühneuzeitlichen Sammlungswesen beschäftigte, die Wallmodensche Gemäldesammlung bislang überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Dies ist umso erstaunlicher, als allein die in den Bestand des Landesmuseums Hannover gelangten rund 30 Gemälde, Meisterwerke von Bernardo Strozzi, Giovanni Battista Piazzetta, Roelant Savery, Willem van Mieris u. v. a. umfassen. Den hohen Rang der einstigen Sammlung Wallmoden bezeugen auch drei herausragende Gemälde, die im 20. Jahrhundert ins Metropolitan Museum of Art in New York gelangt sind (Diego Velazquez, Sebastiano del Piombo, Aelbert Bouts). Die Aufarbeitung der Wallmoden-Galerie ist somit ein längst überfälliges Desiderat nicht nur der niedersächsischen Kunst- und Kulturgeschichte im Besonderen, sondern der kunst- und sammlungsgeschichtlichen Forschung im Allgemeinen.

In Kooperation mit dem Archäologischen Institut Göttingen soll im Rahmen des Forschungsprojektes auch die Gründung der Archäologie als Wissenschaft thematisiert werden, denn dort wurde mit Christian Gottlob Heyne 1767 der erste Lehrstuhl für Klassische Archäologie begründet. Am Landesmuseum Hannover soll die mit der Ausstellung erst begonnene Rekonstruktion der Gemäldesammlung Wallmodens fortgeführt werden. Der vom Königlichen Hofmaler Johann Heinrich Ramberg 1818 verfasste Auktionskatalog der Gemäldesammlung ist nahezu die einzige Quelle zum ehemaligen Bestand der Wallmoden-Galerie. Da dieser Auktionskatalog keine Illustrationen enthält, erwies sich der Fund eines monumentalen Albums mit zahlreichen Handzeichnungen in Privatbesitz, als ein großer Glücksfall für die Recherche. Wie sich zeigen lässt, handelt es sich dabei um vorbereitende Zeichnungen zu einem illustrierten Sammlungskatalog, der zu Lebzeiten Wallmodens in Angriff genommen worden war, aber nie zur Drucklegung gelangte. So war es nicht nur möglich, die in diesem so genannten Album Kielmansegg enthaltenen, rund 40 Zeichnungen auf die entsprechenden, im späteren Auktionskatalog von Ramberg genannten Werke zu beziehen, sondern in einzelnen Fällen darüber hinaus auch den heutigen Standort der Kunstwerke zu identifizieren.


Johann Gerhard Huck nach Paolo Veronese, Nymphe und Satyr mit schlafendem Eroten, um 1800, Kreide auf Papier, Album Kielmansegg, fol. 76 recto, Privatbesitz
Johann Gerhard Huck nach Paolo Veronese, Nymphe und Satyr mit schlafendem Eroten, um 1800, Kreide auf Papier, Album Kielmansegg, fol. 76 recto, Privatbesitz

Von besonderer Schwierigkeit für die Ermittlung der einst in der Wallmoden-Galerie verwahrten Gemälde ist nicht nur die im Auktionskatalog fehlende bildhafte Wiedergabe der Werke, sondern auch deren darin vorgenommenen Zuschreibungen an den ausführenden Künstler. Sie stellen zwar das Ergebnis der 1818 von Ramberg vorgenommenen Begutachtung der Wallmoden-Galerie dar, stimmen jedoch nicht zwingend mit dem Urteil überein, zu dem ein heutiger Kunsthistoriker bei seiner Einschätzung gelangt. Die Zeichnungen im Album aber überliefern die abgebildeten Gemälde so getreu, dass sie uns im Wege der Stilkritik deren tatsächlichen Künstler verraten können. Abgesehen davon, dass die im Album enthaltenen Zeichnungen Kunstwerke eigenen Rechtes sind, ist ihr Wert als Dokumentation von erhaltenen wie verlorenen Gemälden kaum zu überschätzen - ein spektakulärer, bislang von der Kunstgeschichtsschreibung unentdeckter Schatz, der im Rahmen des Projektes für die Forschung gehoben wird.


Bernardo Strozzi, Der Heilige Franziskus in Ekstase, Öl auf Leinwand, 156,5 x 113,7 cm, ehemals Sammlung Wallmoden, heute in Privatbesitz
Bernardo Strozzi, Der Heilige Franziskus in Ekstase, Öl auf Leinwand, 156,5 x 113,7 cm, ehemals Sammlung Wallmoden, heute in Privatbesitz

In der Landesausstellung trafen die Zeichnungen und einige der dokumentierten Gemälde der Wallmoden-Galerie erstmals seit 200 Jahren wieder aufeinander; für alle nicht im Album abgebildeten Kunstwerke sind wir allein auf den Auktionskatalog Rambergs angewiesen, der neben den mitunter irrigen Zuschreibungen der Gemälde an einen Künstler auch die Maße der Werke und eine thematische Beschreibung der Bildinhalte mitteilt. Verbunden mit dem intensiven Studium von Auktionskatalogen der letzten 200 Jahre zum einen sowie der Werkkataloge einzelner in Betracht kommender Künstler zum anderen war es in der Kürze der zur Vorbereitung der Landesausstellung verfügbaren Zeit gelungen, immerhin etwa ein Viertel der über ganz Europa und Nordamerika verstreuten Gemälde zu identifizieren. In einigen Fällen war es möglich, eine Kette der Eigentümerwechsel über die dazu in Augenschein genommenen Inventarbücher bis zum heutigen Standort der Gemälde zu knüpfen; die meisten der von uns angesprochenen heutigen Eigentümer der Kunstwerke wussten gar nicht von der Herkunft ihrer Bilder aus der hannoverschen Galerie des Grafen Wallmoden. Ziel des Forschungsprojektes ist es, diese intensive Recherche zu einer möglichst vollständigen Erhellung des Verbleibs eines Großteils der Wallmodenschen Gemäldesammlungsbestände fortzusetzen und weitere Werke wie beispielsweise ein Gemälde Bernardo Strozzis in Privatbesitz zu identifizieren; ausweislich der bislang erlangten Erkenntnisse harrt noch so manches bekannte Meisterwerk in privaten und öffentlichen Sammlungen seiner Entdeckung als ein ursprünglich aus der hannoverschen Wallmoden-Galerie stammendes Gemälde.

Die grundlegenden Forschungsergebnisse zur Sammlung Wallmoden sollen in einer reich bebilderten Monographie erscheinen, die auf diese Weise den einst in Hannover zusammengetragenen und nun weltweit zerstreuten Kunstschatz erstmals wieder umfassend zusammenführen wird. Die mit Abbildungen von Gemälden von Weltrang reich illustrierte Publikation wird als ein Grundlagenwerk zur niedersächsischen Kunst- und Kulturgeschichte des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts angesehen werden können.

Ziel der Forschung ist es, in der Zusammenschau der gewonnenen Erkenntnisse ein dichtes Bild der weit über Hannover hinausweisenden Sammlungstätigkeit des Grafen Wallmoden zu präsentieren. Die Rekonstruktion der Hängung des Gemäldebestandes und der Gruppierung der antiken Skulpturen im Wallmoden-Palais ist dabei ein wesentliches Anliegen des Forschungsprojektes. Wallmodens Interesse etwa an der Gartengestaltung seines Palais zeigte sich zudem an dem hohen Anteil von Landschaftsbildern in seiner Sammlung, die etwa ein Viertel der Gemälde ausmachten. Die weiteren Sujets - Historienbilder, Portraits, Genremalerei und Stillleben - waren in einem ausgeglichenen Verhältnis in der Galerie vertreten. Ein Drittel der Bilder Wallmodens stammen aus den unterschiedlichen Kunstlandschaften Italiens, vor allem aus Venedig, Bologna und Rom. Ein weiterer großer Teil kommt aus den Niederlanden sowie aus Flandern und Frankreich; Deutschland, England und Spanien sind dagegen kaum vertretene Kunstlandschaften. Die Schaffenszeit der ausführenden Künstler lag überwiegend im 17. Jahrhundert. Die Gemälde des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts in der Wallmoden-Galerie dienten dem zeitgenössischen Besucher zur anschaulichen Belehrung über die Wiedererweckung der Antike in der Malerei der Renaissance, beispielsweise anhand der Gegenüberstellung des einem Perugino-Nachfolger zugeschriebenen Bildnisses eines Mannes der 1490er Jahre, heute im Brooklyn-Museum in New York, mit den zahlreichen antiken Kaiserbüsten der ehemaligen Wallmoden-Galerie. Im direkten Vergleich der Gemälde mit den daneben aufgestellten antiken Skulpturen konnte sich der Betrachter diese Rückbesinnung sinnfällig vor Augen führen. In der Kunst insbesondere Italiens des 17. und frühen 18. Jahrhunderts war nach dem Urteil der Zeit Wallmodens die Nachahmung der antiken Werke zu ihrer Vollendung gelangt. Zugleich galt es, die moralische Überlegenheit des christlichen Zeitalters gegenüber der heidnischen Antike zu behaupten. Ein antiker, auf den Attributen des heidnischen Halbgottes Herakles Schlafender Cupido war in Wallmodens Galerie einerseits einer Nymphe mit Satyr und schlafendem Putto des Paolo Veronese, heute in den Florentiner Uffizien, andererseits Sassoferratos Madonna mit schlafendem Christuskind, heute in der Galleria Estense in Modena, und einem ebenfalls auf den Erlösertod Christi vorausweisenden Schlafenden Christuskind eines Nachfolgers Guido Renis des 17. Jahrhunderts gegenübergestellt; zahlreiche weitere Gruppen einerseits heidnisch-profaner und andererseits christlich-sakraler Bildthemen können angenommen und sollen im Zuge des Forschungsprojektes nachgewiesen werden. In der Schulung der ästhetischen Urteilskraft an den Gegensätzen Antike - Neuzeit sowie Skulptur - Malerei und am Rangstreit der Epochen, Gattungen und Sujets wird ein wesentlicher Zweck der Wallmoden-Galerie gelegen haben.

Zu nichts Geringerem, als ein Abbild des Kosmos zu geben, war im 18. Jahrhundert von Wallmoden eine solche Sammlung zusammengetragen worden, worin ein Fortleben des Wunderkammerkonzepts der Frühen Neuzeit deutlich erkennbar wird. Während aber die Kunst- und Wunderkammer des 17. Jahrhunderts die Weltordnung noch durch die Sammlung der verschiedensten Gegenstände vorzuführen bestrebt war, unter denen Kunstwerke in nur geringer Zahl vertreten waren, so suchte eine Kunstgalerie des 18. Jahrhundert diese Abspiegelung der universalen Ordnung zunehmend im Programm der in den Kunstwerken zur Darstellung gebrachten Bildthemen zu verwirklichen.



Johann Joseph Zoffany, Die Tribuna der Uffizien in Florenz, 1772–1778, Öl auf Leinwand, 54,9 × 123,5 cm, The Royal Collection, Windsor Castle
Johann Joseph Zoffany, Die Tribuna der Uffizien in Florenz, 1772–1778, Öl auf Leinwand, 54,9 × 123,5 cm

Die Wallmoden-Galerie bildete zugleich ein Scharnier auf der Epochenschwelle vom fürstlichen zum bürgerlichen Sammeln im 19. Jahrhundert. So trägt der vom Hannoveraner August Kestner ebenfalls in Rom zusammengetragene Bestand von Gemälden der italienischen Renaissance sowie antiker ägyptischer, griechischer und römischer Objekte des Kunsthandwerks gleichwohl Züge einer Wunderkammer, war aber erheblich kleinräumiger als die Wallmoden-Galerie konzipiert. Auch unternahm Kestners Sammlung nicht den Versuch, das Weltbild des Ancien Régime zu repräsentieren, sondern stand vielmehr für den bürgerschaftlichen Bildungshunger des 19. Jahrhunderts im Allgemeinen und das enzyklopädische Interesse eines Connaisseurs der europäischen Kunstgeschichte im Besonderen. Als ein einigendes Band des Wandels von der feudalen zur bürgerlichen Sammlungstätigkeit aber kann die Große Heilige Familie nach Raphael von Charles Alphonse Dufresnoy aus der Wallmoden-Galerie und Dosso Dossis Jugendlicher Johannes der Täufer nach Raphael aus der Sammlung August Kestner angeführt werden, heute beide im Landesmuseum Hannover bewahrt; beide Sammlungsstrategien zielten auf das Vorbild der allemal seinerzeit wichtigsten Galerie, der Kunstsammlung der Medici in Florenz. Diesen hier nur angedeuteten Bezügen zwischen den unterschiedlichen Kunstepochen, Gattungen und Gesellschaftsordnungen auf den Grund zu gehen, ist das Ziel des Forschungsprojektes.

Der disegno, der ordnende Entwurf eines göttlichen Verstandes, wohnt nach dem Verständnis der zu Wallmodens Lebzeiten niedergehenden Epoche jedem wohlgeratenen Kunstwerk, Gebäude und jeder Landschaft inne; diesen universalen Entwurf aufzudecken und den Besuchern seiner Galerie vor Augen zu stellen, führte Wallmoden seine Kunst- und Antikensammlung in seinem Palais zusammen und umgab dieses Ensemble mit einem Landschaftsgarten. Mit einem aufwändig illustrierten Katalog seiner Sammlung, der freilich nie gedruckt wurde, dessen schon erwähnten, vorbereitenden Zeichnungen aber im Album Kielmansegg erhalten sind, suchte Wallmoden zudem den Ruhm seiner Galerie unter den Kunstinteressierten Europas zu verbreiten. Die vertiefte Kenntnis dieser in der großen Landesausstellung 2014 an wenigen Beispielen zeitweilig wiedererweckten Welt des Grafen Wallmoden wird fast 200 Jahre nach ihrem Untergang und weit über die Laufzeit der Ausstellung hinaus in der Monographie zur Wallmodenschen Kunstsammlung in Hannover dauerhaft Form erhalten.




Die übrigen Abbildungen entstammen den Archiven der Autoren und des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover. Nicht in allen Fällen war es möglich, etwaige Rechteinhaber der Abbildungen ausfindig zu machen. Berechtige Ansprüche werden im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.

Johann Joseph Zoffany, Die Tribuna der Uffizien in Florenz, 1772–1778, Öl auf Leinwand, 54,9 × 123,5 cm, The Royal Collection, Windsor Castle  

Johann Joseph Zoffany, Die Tribuna der Uffizien in Florenz, 1772–1778, Öl auf Leinwand, 54,9 × 123,5 cm

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