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Die Nekropole von Tuna el-Gebel

Die Nekropole von Hermupolis, das heutige Tuna el-Gebel, ist mit ihren Stein- und Lehmziegelgräbern eine einzigartige Anlage des ptolemäischen und kaiserzeitlichen Ägypten. Nach einer geophysikalischen Prospektion eines seit 2004 geförderten DFG-Projektes, das sich auf die römischen Grabanlagen konzentriert, handelt es sich um den größten bekannten Friedhof dieser Epoche in Ägypten, von dem erst ca. 10 % der Fläche ausgegraben wurden.

2012 wurden infolge des „Arabischen Frühlings" begonnen, in Kooperation mit der Minya University und der HAWK Hildesheim (Prof. Dr. Nicole Riedl) eine „field school" für Restauratoren anzubieten. Der Abschlußbericht ist als pdf-Datei herunterzuladen.

Im Frühjahr 2013 wird ergänzend eine „summer school" in Hannover und Hildesheim angeboten, bei der zehn ägyptische Studierende mit den Techniken und Möglichkeiten hiesiger Restauratoren vertraut gemacht werden sollen.

Die Erforschung der Nekropole von Tuna el-Gebel

Bereits im 19. Jh. wurde in Tuna el-Gebel systematisch geplündert. So kam G. Grimm 1974 in seiner Analyse der Fundumstände der Stuckmasken zu dem Ergebnis: "Nach dem Stande unseres Wissens wurden die bis Ende 1893 aufgetauchten mittelägyptischen Masken allein in Meir und Tuna el-Gebel gefunden." (G. Grimm, Die römischen Mumienmasken aus Ägypten, Wiesbaden 1974, 33) Erst 1902/03 führte A. Gombert im Auftrag des Institut Français d´Archéologie Orientale (IFAO) erste offizielle Grabungen in diesem Gebiet durch, die F. L. Griffith später mit folgenden Worten charakterisierte: "... but they (sc. die Grabräuber) left little, and all attempts to punish their armed despredations failed." (Arch. Rep. 1902/1903, 14)

Auch die Grabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft (DOG) unter W. Honroth im Januar 1913 erbrachten nicht den gewünschten Erfolg. Nach nur zehn Tagen wurde die Kampagne abgebrochen, nachdem man auf eine rein römische Nekropole gestossen war. Die Funde gelangten teils nach Kairo, teils nach Berlin. Dort lagern ebenfalls das Fundjournal und das Grabungstagebuch Honroths (Tell el-Amarna 1912-13. Informationsgrabung auf dem Westufer bei Dirweh, unveröffentlichtes Tagebuch, Ägyptisches Museum Berlin; eine Publikation durch. J. Helmbold-Doyé ist in Vorbereitung).

Wenn diese kurze Unternehmung heute für uns von großem Interesse ist, so liegt der Grund vor allem in der schlechten Dokumentation aller nachfolgenden Grabungen. Eine Ausnahme bildet nur das Grab des Petosiris, das 1920 freigelegt und bald darauf publiziert wurde (G. Lefebvre, Le Tombeau de Petosiris I-III, Kairo 1923/24. Zwischen 1931 und 1952 hatte S. Gabra von der Ägyptischen Universität Kairo die Grabungsleitung in Tuna el-Gebel. Er legte einen zentralen Teil der ptolemäischen und römischen Nekropole frei und publizierte 17 steinerne Grabtempel und 24 Grabhäuser aus Ziegeln. Im Verlauf des Vorgängerprojektes gelang es, mehrere Fundinventare zu sichten und zu kopieren, insbesondere zu den Objekten, die heute in Mellawi und im Cairo University Museum lagern. Dieser Fundus ist bislang noch nicht ausgewertet.

Auf Sami Gabra folgte in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts Alexander Badawy, der vorwiegend im westlich gelegenen Thot-Tempel und im östlichen Bereich der Nekropole tätig war.

Zwischen 1972 und 1974 haben G. Grimm und D. Johannes (DAI Kairo) erste Kampagnen zur Dokumentation der von S. Gabra ausgegrabenen Grabhäuser unternommen. 1974 veröffentlichte G. Grimm einen Bericht über seine Arbeiten in Tuna el-Gebel (Tuna el-Gebel 1913-1973. Eine Grabung des deutschen Architekten W. Honroth und neuere Untersuchungen in Hermopolis-West (Tanis Superior), in: MDAIK 31, 1975, 221-236). Die Untersuchungen wurden nach 1975 von G. Grimm, B. H. Krause und M. Sabottka mit Unterstützung der DFG weitergeführt. Schließlich entstand 1989 der Plan eines italienischen Teams des Istituto Papirologico G. Vitelli unter Leitung von M. Manfredi, in dem die damals sichtbaren Strukturen festgehalten wurden.

Im Rahmen des multidisziplinären DFG-Projekts „Die römische Nekropole von Hermupolis - Tuna el-Gebel (Ägypten)" wurden unter Leitung von Dr. Katja Lembke folgende Bereiche untersucht:

- Vermessung des gesamten Areals unter Berücksichtigung bereits existierender Pläne und älterer Untersuchungen

- Geophysikalische Untersuchung der Petosiris-Nekropole und angrenzender Bereiche zur Klärung antiker Befunde

- Architektur der Lehmziegelbauten

- Dekoration der Lehmziegelbauten

- Funde aus den Lehmziegelbauten

- Materialanalyse und Restaurierung der Wandmalereien in den Lehmziegelbauten

Die Ergebnisse des Projekts wurden in mehreren Vorberichten und Artikeln publiziert (s. u.). Als ein wichtiges Ergebnis des Vorgängerprojekts wurde gezeigt, dass die Unterscheidung von „ptolemäischen" Steinbauten und „römischer" Lehmziegelarchitektur (S. Gabra und E. Drioton) nicht zutreffend ist. Vielmehr ist davon auszugehen, dass sich die Nekropole bereits in mittel- und spätptolemäischer Zeit nach Süden ausdehnte und in der römischen Kaiserzeit urban verdichtete. Mit Sicherheit stammen einige Steinbauten aus römischer Zeit (z. B. T 12/SE und T 5/SS, s.u.). Andererseits könnte die Lehmziegeltechnik bereits in spätptolemäischer Zeit eingeführt worden sein, wenngleich die bislang frühesten Bauten, die anhand stilistischer und ikonographischer Merkmale datiert werden können, aus der frühen Kaiserzeit stammen.

Die gleichsam urbane Ausdehnung der Nekropole und die Vielfalt der verwendeten Materialien - lokaler Kalkstein, ungebrannte und gebrannte Ziegel, verschiedene Mörtel und Putze - führte bereits im Vorgängerprojekt zu einer Neudefinition der Fragestellungen rund um das Thema der Akkulturation. Bautechnik, Materialien und Ikonographie lassen erkennen, dass der Romanisierungsprozess (im Sinne einer Übernahme römischer Strukturen) im 2. Jh. n. Chr. weitgehend abgeschlossen war: In dieser Zeit setzen römische Inkrustationsmalereien und mythologische Szenen als Dekorationsformen ein; auch werden sie wie in der pompeianischen Malerei al fresco aufgetragen. Ebenso folgt die Architekturornamentik seit dieser Zeit römischen Vorbildern aus dem nördlichen Mittelmeerraum. Im Vergleich dazu stehen die Dekorationen im 1. Jh. n. Chr. noch eindeutig in ägyptischer Tradition: Die Ikonographie schließt sich an das Totenbuch an, die Bemalung erfolgte al secco auf einer dünnen Kalkschlämme. Auch die Gestaltung der Bauornamentik folgte noch den ägyptischen Bauformen.

Dass diese Wandlung in römischer Zeit keinen ethnischen Hintergrund hat, zeigt par excellence das Grab T 5 (GB 15): Hinter einer römischen Fassade befindet sich ein Raum mit einer rein ägyptischen Grabeinfassung, die eine Götterprozession vor Osiris zeigt. Die im Grab aufgefundene Stele eines Pa-Isis spricht für einen ägyptischen Inhaber, der um 100 n. Chr. sein Grab à la mode mit einer römischen Fassade errichten ließ.

Ein entscheidender Wandel ist schließlich auch im Bereich der Bestattungen zu beobachten, die in frühptolemäischer Zeit in tiefen Schächten, später in Bodengruben oder gebauten Bänken beigesetzt wurden, bis spätestens in der hohen Kaiserzeit die Mumien auch offen auf Holzbetten exponiert wurden. Damit einher geht auch eine Veränderung der Sozialstruktur, denn die frühen Bauten waren exklusive tempelartige Gebäude für hohe Priester des Thot, während in römischer Zeit die Hauptgrablege nicht selten Frauen vorbehalten war. Noch unklar ist bislang, ob es neben der Körperbestattung auch Urnen gegeben hat, was als weiteres Indiz einer Romanisierung im Sinne einer Abkehr von altägyptischen Prinzipien gelten könnte.

Wie sich gezeigt hat, sind die Akkulturationsprozesse in Tuna el-Gebel vielfältig und zeigen sich in der Architektur, der Bautechnik, der Dekoration oder im Umgang mit dem Körper selbst.

Publikationen

K. Lembke, J. Helmbold-Doyé, Ch. Wilkening, A. Druzynski v. Boetticher und C. Schindler, Vorbericht über den Survey in der Petosiris-Nekropole von Hermupolis/Tuna el-Gebel (Mittelägypten) 2004-2006, in: Archäologischer Anzeiger 2007/2, 71-127

K. Lembke, The Petosiris-Necropolis of Tuna el-Gebel, in: K. Lembke - M. Minas-Nerpel - S. Pfeiffer (Hrsg.), Tradition and Transformation. Egypt under Roman Rule. Proceedings of the International Conference, Hildesheim, Roemer- and Pelizaeus-Museum, 3-6 July 2008 (Leiden - Boston 2010) 231-254

J. Helmbold-Doyé, Tuna el-Gebel - Fundgruppen, Werkplätze und Öfen. Ein Zwischenbericht, in: K. Lembke - M. Minas-Nerpel - S. Pfeiffer (Hrsg.), Tradition and Transformation. Egypt under Roman Rule. Proceedings of the International Conference, Hildesheim, Roemer- and Pelizaeus-Museum, 3-6 July 2008 (Leiden - Boston 2010) 133-147

K. Lembke - J. Helmbold-Doyé, Pompeji in der Wüste - Die Petosiris-Nekropole von Tuna el-Gebel, in: Antike Welt 2/2011, 55-63

K. Lembke, City of the dead: Tuna el-Gebel, in: C. Riggs (Hrsg.), The Oxford Handbook of Roman Egypt (Oxford 2012) 205-222

Ch. Wilkening-Aumann, Die ptolemäisch-römische Petosiris-Nekropole in Tuna el-Gebel / Mittelägypten, in: Koldewey-Gesellschaft (Hrsg.): Bericht über die 46. Tagung für Ausgrabungswissenschaft und Bauforschung vom 12. bis 16. Mai 2010 in Konstanz (Dresden 2012) 81-88

K. Lembke - Ch. Wilkening-Aumann, Egyptian in disguise - Ein römisches Tempelgrab in Tuna el-Gebel, in: Études et Travaux 25, 2012, 172-188

T. Meyer - Ch. Wilkening-Aumann, Trial and error in der ägyptischen Gewölbepraxis. Zu den Gewölbeformen in der Petosiris-Nekropole in Tuna el-Gebel / Mittelägypten, in: Forschen Bauen & Erhalten 5, Jahrbuch 2011/2012 (im Druck)

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