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Katja Lembke zur Umsetzung der Washingtoner Erklärung im Landesmuseum Hannover

Ende Januar wandte sich Ronald S. Lauder, Präsident der World Jewish Congress, mit einem Fragenkatalog zur Umsetzung der Grundsätze der Washingtoner Erklärung vom Dezember 1998 an deutsche Museen.





Katja Lembke, Direktorin des Landesmuseums Hannover, hat die Anfrage wie folgt beantwortet:

Sehr geehrter Herr Lauder,

als Institution des Landes Niedersachsen hat sich das Landesmuseum Hannover verpflichtet, gemäß der „Washingtoner Principles" und der „Erklärung zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz" zu verfahren, seine Bestände zu überprüfen und Objekte mit ungeklärter oder lückenhafter Provenienz zu veröffentlichen. Um mit der aktiven Suche nach unrechtmäßigen Besitzverhältnissen zu beginnen, wurde im Juni 2008 eine halbe Stelle für Provenienzforschung am Landesmuseum Hannover eingerichtet. Ziel war es, die Bestände der Landesgalerie aus dem Eigentum der Provinz Hannover bzw. des Landes Niedersachsen erstmals systematisch zu überprüfen und insbesondere im Erwerbszeitraum 1933-45 unrechtmäßige Besitzverhältnisse zu identifizieren und offenzulegen. Die so eingeleitete Bestandsprüfung wurde 2010-12 mit Hilfe von Fördermitteln der Arbeitsstelle für Provenienzrecherche/-forschung Berlin intensiviert und auf die Zugänge nach 1945 ausgedehnt. Seit Juni 2013 ist die Stelle für Provenienzforschung schließlich dauerhaft am Landesmuseum Hannover etabliert und dabei zugleich für alle Abteilungen des Hauses (Landesgalerie/ Münzkabinett, Archäologie, Naturkunde, Völkerkunde) zuständig.

Angesichts der komplexen Besitzverhältnisse in Hannover, bedingt durch mehrfache Sammlungstausche, und der daraus resultierenden undifferenzierten Berichterstattung in den Medien möchten wir an dieser Stelle darauf hinweisen, dass parallel dazu im Juni 2008 eine halbe Stelle für Provenienzforschung von der Landeshauptstadt Hannover eingerichtet wurde, die für die systematische Überprüfung des Städtischen Kunstbesitzes zuständig ist (seit 2010 als unbefristete Vollzeitstelle). In deren Zuständigkeitsbereich fallen u. a. die ständigen Leihgaben der Stadt Hannover in der Landesgalerie des Landesmuseums, darunter die Kunstwerke aus der ehemaligen Sammlung von Dr. Conrad Doebbeke. Auf Inhalt, Verlauf oder Transparenz der seitens der Stadt unternommenen Provenienzrecherchen haben wir keinen Einfluss.

Selbst waren und sind wir stets um Transparenz bemüht. Ohne eine eigenständige Stelle für Provenienzforschung waren die Ressourcen allerdings nicht ausreichend, um sich aktiv an der Suche nach NS-Raubkunst zu beteiligen, weshalb bis 2008 lediglich alle eingehenden Anfragen zu Provenienzen oder zur Aktenlage bearbeitet wurden. Außerdem wurde die Mehrzahl der Altakten des Landesmuseums, darunter sämtliche Angebots- und Ankaufsakten der Kunstabteilung/ Landesgalerie bis etwa 1960, an das Niedersächsische Landesarchiv, Hauptstaatsarchiv Hannover, abgeliefert, wo sie seit 2006/07 online recherchierbar und für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Auch die noch im Museum befindlichen Archive und Aufzeichnungen sind auf Anfrage hin zugänglich und werden für die (Provenienz-)Forschung weiter erschlossen. Von 2008 bis 2013 wurden dann die notwendigen Mittel für eine eigenständige Stelle zur Provenienzforschung vom Land Niedersachsen zur Verfügung gestellt und mit Hilfe von Fördermitteln der Arbeitsstelle für Provenienzrecherche/-forschung Berlin befristet aufgestockt. Für die seit 2013 aus eigenen Mitteln finanzierte unbefristete Stelle stehen derzeit nur Ressourcen für eine Teilzeitstelle zur Verfügung, die jedoch Projektgebunden durch Fördermittel aufgestockt werden können.

Die im Verlauf der systematischen Bestandsprüfung ermittelten Objekte mit lückenhafter, ungeklärter oder bedenklicher Provenienz werden seit 2010 der Koordinierungsstelle Magdeburg gemeldet und im Lostart-Register sowie parallel dazu auf der Homepage des Museums veröffentlicht (vgl. www.lostart.de/Webs/DE/Datenbank/InstitutionFund.html?cms_param=menu%3Dinfo%26INST_ID%3D164#id68140; www.landesmuseum-hannover.niedersachsen.de/portal/live.php?navigation_id=24327&article_id=91801&_psmand=183).Weiterführende Ergebnisse der Provenienzrecherchen, z. B. zu involvierten Personen und möglichen Vorbesitzern, werden überdies im Rahmen von Symposien, hauseigenen und externen Publikationen, in der Dauerausstellung und öffentlichen Führungen kommuniziert.

Bisher konnten die ermittelten Objekte mit ungeklärter oder bedenklicher Provenienz keinem exakten Eigentümer zugewiesen werden. Sollte dies zukünftig der Fall sein, würden wir selbstverständlich den Kontakt mit den Eigentümern bzw. deren Erben suchen und, sollten diese nicht mehr ausfindig gemacht werden können, bestrebt sein, zu einem Ausgleich beizutragen. Die bisherigen Restitutionen am Landesmuseum Hannover betrafen zwei Leihgaben der BRD und eine Leihgabe der Landeshauptstadt Hannover (siehe www.landesmuseum-hannover.niedersachsen.de/portal/live.php?navigation_id=24327&article_id=84683&_psmand=183).

Von den verschiedenen Bestrebungen, die bislang unternommen worden sind, um während der NS-Herrschaft begangenes Unrecht zu thematisieren, verweisen wir exemplarisch auf das Vierte Hannoversche Symposium „NS-

Raubgut in Museen, Bibliotheken und Archiven", das als Kooperationsprojekt mit der Gottfried Wilhelm Leibniz-Bibliothek und der Gedenkstätte Bergen-Belsen geplant und vom 9.-11. Mai 2011 im Landesmuseum und in der Gedenkstätte durchgeführt wurde. Im Rahmen und Nachgang der Tagung wurden die Ziele, Inhalte und Ergebnisse der Forschungen zu NS-Raubgut in Museen, Bibliotheken und Archiven überdies in Form von Vitrinen-Präsentationen, Lesungen oder öffentlichen Führungen exemplarisch vermittelt.

Darüber hinaus wurden seit 2008 parallel zur kontinuierlich betriebenen systematischen Bestandsprüfung verschiedene Projekte zur Erschließung und digitalen Erfassung von Beständen und Archivmaterialien initiiert sowie weitere Kooperationen mit Einrichtungen, Verbänden und Initiativen angestrebt, die sich mit der Erinnerung an/ der Aufarbeitung von NS-Unrecht befassen. Im Hinblick auf aktuelle und zukünftige Bestandserweiterungen hat die hier am Haus beschäftigte Provenienzforscherin Dr. Claudia Andratschke gemeinsam mit dem Kollegen des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg „Empfehlungen zur Provenienzforschung bei Neuzugängen in niedersächsischen Museen" erarbeitet, die seit 2013 auf der Homepage des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur (MWK) veröffentlicht sind (siehe www.mwk.niedersachsen.de/portal/live.php?navigation_id=6304&article_id=18902&_psmand=19). Nicht zuletzt sind wir stets bestrebt, aktuelle Themen wie zuletzt den „Schwabinger Kunstfund" oder den Start des Kinofilms „Monuments Men" im Rahmen unserer Öffentlichkeitsarbeit aufzugreifen und den Besuchern vor Ort, z. B. bei öffentlichen Führungen, zu vermitteln.

Es ist sicher zutreffend, dass die vielen offenen Fragen und Unsicherheiten im Umgang mit NS-Raubgut und seiner Rückgabe angesichts der jüngsten Ereignisse noch zugenommen haben. Obwohl wir zu diesem umfassenden Thema nur begrenzt beitragen können, hoffen wir, Ihnen mit unseren Angaben weitergeholfen zu haben und stehen für Rückfragen selbstverständlich gern jederzeit zur Verfügung.


Mit freundlichen Grüßen


Dr. Katja Lembke
Direktorin


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Umfrage des World Jewish Congress an deutsche Museen zu den Grundsätzen der Washingtoner Erklärung vom Dezember 1998


Brief von Ronald S. Lauder, Präsident des World Jewish Congress, an Katja Lembke, Direktorin des Landesmuseums Hannover.

Sehr geehrte Frau Dr. Lembke,

der Münchner Kunstfund vor einigen Wochen hat erneut die Frage aufgeworfen, welche Anstrengungen deutsche Museen und Kunstgalerien unternommen haben, die in der Washingtoner Erklärung von 1998 niedergelegte und von der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnete Selbstverpflichtung umzusetzen.

Ich erlaube mir, Ihnen in diesem Zusammenhang die nachfolgenden Fragen zu stellen, die direkt auf die Grundsätze der Washingtoner Erklärung Bezug nehmen.

1. "Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückerstattet wurden, sollten identifiziert werden."
Wurden oder werden in Ihrem Haus Maßnahmen unternommen, um mögliche NS-Raubkunst in Ihrem Besitz zu identifizieren?

2. "Einschlägige Unterlagen und Archive sollten der Forschung gemäß den Richtlinien des International Council on Archives zugänglich gemacht werden."
Sind Ihre Archive und Aufzeichnungen für die Provenienzforschung zugänglich?

3. "Es sollten Mittel und Personal zur Verfügung gestellt werden, um die Identifizierung aller Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückerstattet wurden, zu erleichtern."
Haben Sie ausreichende Ressourcen für solche Nachforschungen zur Verfügung?

4. "Es sollten alle Anstrengungen unternommen werden, Kunstwerke, die als durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückerstattet identifiziert wurden, zu veröffentlichen, um so die Vorkriegseigentümer oder ihre Erben Ausfindung zu machen."
Hat Ihr Haus Maßnahmen ergriffen, um die rechtmäßigen Eigentümer von Raubkunst zu ermitteln?

5. "Es sollten Anstrengungen zur Einrichtung eines zentralen Registers aller diesbezüglichen Informationen unternommen werden."
Haben Sie die im Besitz Ihres Museums befindliche Raubkunst an das zentrale Register www.lootedart.com oder ein anderes Register gemeldet?

6. "Die Vorkriegseigentümer und ihre Erben sollten ermutigt werden, ihre Ansprüche auf Kunstwerke, die durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückgegeben wurden, anzumelden."
Ermutigen Sie die rechtmäßigen Eigentümer, Ansprüche geltend zu machen?

7. "Wenn die Vorkriegseigentümer von Kunstwerken, die durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückgegeben wurden, oder ihre Erben ausfindig gemacht werden können, sollten rasch die nötigen Schritte unternommen werden, um eine gerechte und faire Lösung zu finden, wobei diese je nach den Gegebenheiten und Umständen des spezifischen Falls unterschiedlich ausfallen kann."
Gibt es aktuell Fälle in Ihrem Verantwortungsbereich, bei denen die Restitution eines geraubten Kunstwerkes in Betracht gezogen bzw. durchgeführt wurde/wird?

8. "Wenn bei Kunstwerken, die nachweislich von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückgegeben wurden, die Vorkriegseigentümer oder deren Erben nicht ausfindig gemacht werden können, sollten rasch die nötigen Schritte unternommen werden, um eine gerechte und faire Lösung zu finden."
Trägt Ihr Museum in Fällen geraubter Kunst, bei denen sich die rechtmäßigen Eigentümer oder anspruchsberechtigte Erben nicht mehr ermitteln lassen, zu einem Ausgleich des begangenen Unrechts bei?

9. Welche über die Grundsätze der Washingtoner Erklärung hinausgehenden Anstrengungen hat Ihr Haus bislang unternommen bzw. planen Sie zu unternehmen, um während der NS-Herrschaft begangenes Unrecht zu thematisieren?

10. Halten Sie weitere gesetzliche Klarstellungen für notwendig, um die Rückgabe von NS-Raubkunst auf eine solide Grundlage zu stellen, und falls ja, welche?

Dieses Schreiben geht gleichlautend an alle öffentlichen deutschen Museen. Wir beabsichtigen, die Antworten zum 28. Februar 2014 der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, um dadurch eine Meinungsbildung auf Faktenbasis zu ermöglichen. Für eine Antwort Ihrerseits in den nächsten Wochen an unser Brüsseler Büro (Rue de Stassart 84, B-1050 Brüssel, Email: info@worldjewishcongress.org) wären wir deshalb sehr dankbar.

Für die jüdische Gemeinschaft weltweit, deren politische Belange der Jüdische Weltkongress vertritt, sind überzeugende Antworten auf diese Fragestellungen von größter Bedeutung, sowohl in rechtlicher als auch in moralischer Hinsicht. Für Ihre Unterstützung und Ihre Mitwirkung danke ich Ihnen schon jetzt.


Mit freundlichen Grüßen,

Ronald S. Lauder
Präsident


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