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Archäologische Landesgeschichtsforschung am Landesmuseum Hannover

Der Arbeitsbereich »Sachsenforschung«


Zentrale Aufgabe des Arbeitsbereiches »Sachsenforschung« ist die wissenschaftliche Erschließung der umfangreichen Sammlungsbestände des Fachbereichs Archäologie zur Geschichte des ersten Jahrtausends aus Niedersachsen. Sie bildet einen der Schwerpunkte der am Landesmuseum Hannover (NLMH) geleisteten Forschungsarbeit. Vieles von dem, was wir heute über die Lebenswirklichkeit und die kulturhistorische Entwicklung in den Landschaften Niedersachsens im ersten Jahrtausend wissen, beruht maßgeblich auf hierbei gewonnenen Erkenntnissen. Die »Sachsenforschung« zielt aber auch auf die wissenschaftliche Durchdringung der Ethnogenese des frühmittelalterlichen Stammesverbandes der Sachsen, die seit dem 6. und 7. Jahrhundert als Bewohner weiter Gebiete zwischen Rhein, Elbe, den Mittelgebirgen und der Nordseeküste überliefert sind. Wie andere germanische gentes, zum Beispiel die Franken, die Bajuwaren oder die Alamannen, haben die Sachsen die politischen und historischen Abläufe in Europa entscheidend mitgeprägt. Bis heute stiftet ihr Name territoriale Identitäten.

Die genuin landesgeschichtlich orientierte »Sachsenforschung« am NLMH erfolgt traditionell in enger Vernetzung und im ständigen Austausch mit Wissenschaftlern an skandinavischen, britischen, niederländischen, belgischen und französischen Museen, Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen. Ihr Initiator war Albert Genrich (1912-1996), der am NLMH von 1954 bis 1977 zunächst als Kustos und später als Leiter der vormaligen Abteilung Urgeschichte tätig war. Mit der »Sachsenforschung« von Beginn an und bis heute aufs engste verknüpft ist das 1949 von Karl Waller ins Leben gerufene »Internationale Sachsensymposion« mit heutigem Sitz in Belgien, zu dessen Gründungsmitgliedern Albert Genrich gehörte. Die damals noch »Arbeitsgemeinschaft für Sachsenforschung« genannte Vereinigung fungiert seit vielen Jahrzehnten als international maßgebliches wissenschaftliches Forum für die Archäologie der frühen Geschichte Nordwesteuropas. Derzeit gehören ihr rund 130 Archäologen und Historiker aus Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Norwegen, Schweden und den USA an. Albert Genrich war von 1968 bis 1986 Vorsitzender des Symposions, das einmal jährlich tagt.

In der Nachfolge Genrichs wurde die »Sachsenforschung« am NLMH von 1977 bis 2004 von Hans-Jürgen Häßler fortgeführt. Seine Untersuchungen zu frühgeschichtlichen Bestattungsplätzen und Grabfunden aus Niedersachsen haben der Forschung zur frühen Geschichte Nordwesteuropas wesentliche Impulse verliehen. Mit der von ihm am NLMH begründeten und dort bis zu seinem Ausscheiden aus dem Dienst lektorierten und redigierten Reihe »Studien zur Sachsenforschung« etablierte Häßler, der von 1996 bis 2002 auch Vorsitzender des »Internationalen Sachsensymposions« war, ein international anerkanntes Fachorgan zur Frühgeschichtsforschung.

Aktuelles Projekt: Der Brandbestattungsplatz der Römischen Kaiserzeit von Grethem (Ldkr. Soltau Fallingbostel)

Die wissenschaftliche Bearbeitung unserer archäologischen Sammlungsbestände umfasst auch Forschungsgrabungen zur Erkundung noch ungeklärter Fundzusammenhänge von Objekten. Ein Beispiel dafür sind die seit 2007 in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Soltau-Fallingbostel durchgeführten Grabungen auf einem Brandbestattungsplatz der Römischen Kaiserzeit (1.-4. Jh. n. Chr.) bei Grethem (Ldkr. Soltau-Fallingbostel). Der Friedhof ist bereits seit 1853 bekannt: Damals hat der Historische Verein für Niedersachsen zwei mit Leichenbrand gefüllte römische Metallgefäße aus dem 2./3. Jh. n. Chr. angekauft, die um 1844 bei Erdarbeiten in der Gemarkung Grethem zu Tage getreten waren. Die beiden Urnen gehören seither zum Grundstock der archäologischen Sammlung des NLMH. Nachdem 2004 und 2006 bei Grethem erneut zwei als Urnen verwendete römische Metallbehälter des 2./3. Jahrhunderts entdeckt worden sind, darf der historische Kontext der Altfunde von 1844 als identifiziert gelten und kann nun nach mehr als 160 Jahren durch die aktuellen Grabungen mit modernen Methoden erforscht werden.

Die bislang bei den Geländearbeiten dokumentierten Befunde lassen erkennen, dass bei Grethem im 2. bis 4. Jahrhundert verstorbene Angehörige eines wohlhabenden und vermutlich einflussreichen germanischen Familienverbandes eingeäschert und beigesetzt worden sind. Bemerkenswert ist der Fund von Fragmenten sehr ungewöhnlicher Importwaren, die man mit diesen Toten verbrannt hat, so zum Beispiel ein römischer Kamm aus Elfenbein, der mit einer ungemein feinen Reliefschnitzerei verziert ist. Das Stück ist in der handwerklichen Ausführung wie in der künstlerischen Gestaltung von allerhöchster Qualität und vermutlich in augusteischer Zeit in einer renommierten italischen Werkstatt gefertigt. Auftraggeber und Abnehmer solcher Arbeiten waren Angehörige der vornehmsten Kreise der römischen Gesellschaft. In welchem Zusammenhang eine solche Preziose in die Hände der bei Grethem bestattenden germanischen Familie gelangte, wird zu diskutieren sein, aber er beweist einmal mehr, das auch absolute Spitzenprodukte des römischen Kunsthandwerks ihren Weg in den Norden fanden und dort selbst als Antiquitäten begehrt waren.

Nicht weniger überraschend war die Entdeckung eines Brandgrubengrabes aus dem 3./4. Jahrhundert, dass die Rückstände eines Scheiterhaufens barg, auf dem ein Leichnam mit einer auffallend umfangreichen Totenausstattung kremiert worden war. Zu den Beigaben gehörten u.a. römischer Silberschmuck und zahlreiche römische Glas- und Keramikgefäße. In seiner Quantität und Qualität kann das rekonstruierbare Beigabeninventar ohne Einschränkung dem der reichen „Fürstengräber" der jüngeren Römischen Kaiserzeit im germanischen Barbaricum zur Seite gestellt werden kann. Eine Beisetzung dieser Kategorie war aus Niedersachsen bislang nicht bekannt.

Die Untersuchung der Bestattungsfunde von Grethem und des hieraus geborgenen Sachguts wird zahlreiche neue Einblicke in das Bestattungsbrauchtum und die überregionalen Bezüge der kaiserzeitlichen Eliten im heutigen Niedersachsen ermöglichen. Dessen Einwohnerschaft sah sich im 2. und 3. Jahrhundert verstärkt mit diplomatischen, aber auch erneuten militärischen Interventionen der Römer konfrontiert, was in jüngster Zeit durch den archäologischen Nachweis eines Kampfgeschehens zwischen römischen und germanischen Verbänden im 3. Jahrhundert am Harzhorn bei Kalefeld (Ldkr. Northeim) sehr anschaulich belegbar geworden ist.

Literatur:

B. Ludowici u. W. Meyer, Sensationen aus dem Eimer. Archäologie in Niedersachsen 11, 2008, 133-135.

B. Ludowici, Brandgräber unter dem Mikroskop. Ein Brandgrubengrab bei Grethem. Archäologie in Niedersachsen 12, 2009, 71-73.




Fragment eines römischen Kammes  
Fragment eines römischen Kammes aus dem Brandbestattungsplatz von Grethem
Ausgrabungen in Grethem  
Ausgrabungen in Grethem: Freilegung eines Brandgrubengrabes aus dem 3./4. Jahrhundert n. Chr.
Ausgrabungen in Grethem  
Ausgrabungen in Grethem: Rückstände von zerschmolzenem römischem Silberschmuck aus dem Brandgrubengrab
Ausgrabungen in Grethem  
Ausgrabungen in Grethem: Scherben eines in Barbotine-Technik verzierten Keramikbechers (römische Drehscheibenware) aus dem Brandgrubengrab
Veröffentlichungsreihe

»Neue Studien zur Sachsenforschung«. Das NLMH gibt diese Reihe gemeinsam mit dem Internationalen Sachsensymposion heraus.


Kontakt

Dr. Babette Ludowici
Arbeitsbereich »Sachsenforschung«
T +49 (0)511 9807 719
babette.ludowici@landesmuseum-hannover.de

Grabbeigaben

Beigaben aus dem Grab einer Frau, 5. Jahrhundert n. Chr., Issendorf (Ldkr. Stade)

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