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Wissenschaftliche Erschließung des Kupferstichkabinetts

Die graphische Sammlung im Landesmuseum Hannover gewährt mit ihren über 20.000 Handzeichnungen und Druckgraphiken einen exzellenten Einblick in das vielfältige Geschehen der europäischen Kunstgeschichte vom späten Mittelalter bis in das frühe 20. Jahrhundert.

Hunderte Werke Dürers, so sein berühmter Hieronymus im Gehäuse, zahlreiche italienische Handzeichnungen, darunter ein Skizzenblatt aus dem Umkreis Leonardo da Vincis, hunderte Werke Rembrandts, die epochalen Caprichos des Francisco de Goya, eine Landschaft Camille Pissarros sowie hunderte Zeichnungen und Graphiken Max Liebermanns, Max Slevogts und Lovis Corinths stehen hier beispielhaft für den künstlerischen Reichtum unseres Kupferstichkabinetts.

Um diesen Schatz für die Wissenschaft und den Besucher leichter zugänglich zu machen, arbeiten wir derzeit an der digitalen Erschließung unseres gesamten graphischen Bestandes. Dazu wird jedes Blatt einzeln aus seiner Archivbox entnommen, statistisch erfasst, konservatorisch begutachtet und digital photographiert. Parallel dazu werden die Daten der alten handschriftlichen Inventarkarten in digitaler Form neu erstellt. In einem zweiten Schritt werden die Informationen zum Werk und seine Abbildung in einer Datenbank zusammengeführt. Auf der so geschaffenen Grundlage erfolgt die abschließende kunstgeschichtliche Würdigung der Kunstwerke in einem Katalog sowie deren konservatorische Betreuung.

In kleinen Wechselausstellungen präsentieren wir ausgewählte Blätter, und auf Wunsch werden dem Besucher die sonst sorgfältig in Schränken aufbewahrten Werke zu Studium und Genuss vorgelegt. Die beschriebene konservatorische und kunsthistorische Erschließung und eine Neuordnung der Blätter erlauben es künftig dem Besucher des Kupferstichkabinetts, seine nach Künstlern, Kunstlandschaften und Epochen geordneten Bestände mit Muße zu durchdringen.


Das Kupferstichkabinett ist nach Terminvereinbarung jederzeit zugänglich. Bitte wenden Sie sich für eine Terminvereinbarung
an Dr. Thomas Andratschke, T + 49 ( 0 ) 511 98 07 - 625 oder thomas.andratschke@landesmuseum-hannover.de



Verschiedene Werktechniken und Beispiele für die grapische Sammlung

Camille Pissarro, Herbstlandschaft: Blick aus den Eptewiesen auf Bazincourt, Bleistift und Aquarell, 1885-90  
Camille Pissarro, Herbstlandschaft: Blick aus den Eptewiesen auf Bazincourt, Bleistift und Aquarell, 1885-90

Camille Pissarro

Charlotte-Amalie auf St. Thomas (dänische Antillen) 1830 -

1903 Paris

Herbstlandschaft, Blick aus den Eptewiesen

auf Bazincourt

Um 1885-1890, Bleistift, Aquarell und Deckfarben

Landesmuseum Hannover, Kupferstichkabinett,

Inv.-Nr. Slg. N. 544

Während das in der Landesgalerie gezeigte Landschaftsgemälde Pissarros Dorf Melleraye, Dep. Mayenne von 1876 noch der zwei Jahre zuvor mit dem - zunächst abwertenden - Schlagwort des Impressionismus belegten Schaffensphase des Künstlers angehört, zeugt das vorliegende Blatt bereits von der folgenreichen Begegnung Pissarros mit den Neoimpressionisten Georges Seurat und Paul Signac, von dem die Landesgalerie das pointillistische Gemälde Sta. Maria della Salute in Venedig von 1908 bewahrt. Dort wie hier setzt sich der Bildgegenstand aus hunderten vereinzelter, im Farbton ungebrochener Pinseltupfen erst im Auge des Betrachters zu seiner Gestalt zusammen. 1891 wandte sich Pissarro wieder enttäuscht von dieser für wissenschaftlich gehaltenen Malweise ab, »denn der Point ist mager, ohne Konsistenz, durchsichtig, mehr monoton als einfach.«


Albrecht Dürer, Der Heilige Hieronymus in seinem Gehäuse, 1514, Kupferstich
Albrecht Dürer, Der Heilige Hieronymus in seinem Gehäuse, 1514, Kupferstich

Albrecht Dürer

Nürnberg 1471 - 1528 Nürnberg

Der Heilige Hieronymus in seinem Gehäuse

1514, Kupferstich

Landesmuseum Hannover, Kupferstichkabinett,

Inv.-Nr. Gr. 309

Mit seinem Attributtier, dem Löwen, den Hieronymus einst von einem schmerzenden Dorn in der Pranke erlöste, sitzt der Heilige in einem offenbar improvisierten Verschlag, etwa in den Kreuzgang eines Klosters eingebaut, und geht seinen gelehrten Studien nach. Der als Repoussoir von der Balkendecke herabhängende Kürbis und die Weinranke deuten auf die philologischen Spitzfindigkeiten, die dem Kirchenvater bei seiner Übersetzung der Bibel aus dem Hebräischen und Griechischen in das Lateinische begegnet sind.

An diesem Werk, das zu Dürers drei so genannten Meisterstichen gezählt wird, lässt sich das vom Künstler zu dieser Zeit bevorzugte Zeichenverfahren studieren. So sind die Butzenscheiben durch Umrisslinien ohne Schraffur, die von ihnen geworfenen Schatten indessen durch Schraffur und ohne Umrisslinien zur Darstellung gebracht.


Nachfolger des Leonardo da Vinci, Männliche Aktstudien und Putto  
Nachfolger des Leonardo da Vinci, Männliche Aktstudien und Putto

Nachfolger des Leonardo da Vinci

Anchiano bei Vinci 1452 - 1519 Schloss Cloux bei Amboise

Männliche Aktstudien und Putto

1530er Jahre, Feder in Braun, rote Kreide

Landesmuseum Hannover, Kupferstichkabinett,

Inv.-Nr. Slg. N. 100

Das vorliegende, sowohl auf der Vorder- wie auf der Rückseite mit diversen, in Feder und roter Kreide ausgeführten Studien meist männlicher nackter Gestalten bedeckte Blatt ist mutmaßlich ein Ausschnitt aus einem großformatigen Bogen. Ein unbestimmtes Muster perforierter Linien durchzieht das Papier. Es ist mutmaßlich das Ergebnis der Übertragung einer auf dem ursprünglichen großen Blatt, dem cartone, angefertigten Komposition auf einen anderen Bildträger. Bei diesem spolvero genannten Verfahren wird der Kontur der Zeichnung auf dem cartone mit einer Nadel perforiert. Anschließend wird der cartone auf eine Wand, eine Holztafel oder eine Leinwand gelegt und entlang der Perforation Kohlenstaub ausgestreut, der durch die Löcher auf den hell grundierten Bildträger rieselt und dort dergestalt die perforierten Zeichnung des cartone reproduziert. Die Perforationen des vorliegenden Blattes lassen an den Kontur eines Bartes und eines Gewandsaums denken.

Die stilistische Bestimmung der in Wiederverwendung des mutmaßlichen cartone-Auschnitts zu Papier gebrachten Zeichnungen weist mit der plastisch modellierenden Schraffur und einigen hilfsweise gesetzten Achsenkreuzen zur Anordnung von Nase und Augen in den Umkreis Leonardos; die den Figuren gegebenen, manieristisch anmutenden Proportionen indessen rücken die Zeichnungen in die 1530er Jahre Oberitaliens.

Lovis Corinth, Weiblicher Akt, stehend, Kreidezeichnung, 1894
Lovis Corinth, Weiblicher Akt, stehend, Kreidezeichnung, 1894

Lovis Corinth

Tapiau (Ostpreußen) 1858 - 1925 Zandvoort

Weiblicher Akt, stehend

1894, schwarze, rosa und gelbe Kreide

Landesmuseum Hannover, Kupferstichkabinett,

Inv.-Nr. Slg. N. 401

Diese Aktzeichnung entstand zu Corinths Münchener Zeit, zwei Jahre nach Gründung der Münchener Sezession und ein Jahr, nachdem Corinth im Streit aus der Sezession bereits wieder ausgeschlossen worden war. Geprägt freilich wurden die nicht wenigen Akte im Œuvre des Künstlers von seinem Aufenthalt 1885 in der privaten Pariser Académie Julian, die in ihrem freizügigen Umgang mit diesem Bildgenre, beispielsweise der Zulassung gemischter Klassen der Aktmalerei nach dem lebenden Nacktmodell, in Paris für einigen Aufruhr gesorgt hatte. Corinth erhielt Unterricht unter anderem bei einem der Protagonisten des Akademischen Klassizismus und des Klassischen Realismus seiner Zeit in Frankreich, Adolphe William Bouguereau. Der zugleich in Paris überaus prominent vertretene Impressionismus indessen erregte bei Corinth nur wenig Aufmerksamkeit.

Eine Aktzeichnung war für Corinth die Bildaufgabe schlechthin, um der Ausdruckskraft von Linie und Umriss nachzuforschen. Es ist den einschlägigen Werken leicht ablesbar, dass Corinth dabei die Wiedergabe des weiblichen Körpers favorisiert hat. Das vorliegende Blatt ist in seiner gesamten Höhe von dem raumgreifenden Selbstbewusstsein der sich leicht streckenden jungen Frau erfüllt. Das besondere Interesse des Künstlers weckte offenbar die leichte Drehung des Oberkörpers seines Modells. Die sparsame farbige Akzentuierung einzelner Körperpartien sowie der von Corinth eingefangene Blick der Frau teilen der Zeichnung ein hohes Maß ihrer Sinnlichkeit mit.


Rembrandt van Rijn, Das Hundertguldenblatt, 1647-49, Radierung  
Rembrandt van Rijn, Das Hundertguldenblatt, 1647-49, Radierung

Rembrandt Harmenszoon van Rijn

Leiden 1606 - 1669 Amsterdam

Christus heilt die Kranken (Das Hundertguldenblatt)

Um 1647-1649, Ätzradierung, mit der Kaltnadel und dem Grabstichel nachbearbeitet, später II. oder III. Zustand

Landesmuseum Hannover, Kupferstichkabinett,

Inv.-Nr. Gr. 11895

Rembrandts Radierung vereint einige Episoden aus dem 19. Kapitel des Evangeliums nach Matthäus, zu sehen sind die Heilung des Kranken, die Segnung der Kinder, die Bestrafung der Apostel, die Zurechtweisung des reichen Jünglings und die disputierenden Schriftgelehrten; das Kamel im Tordurchgang am rechten Bildrand alludiert mutmaßlich Matt 19, 24: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.

Mit allen ihm zu Gebote stehenden technischen Mitteln setzt Rembrandt die Erzählungen des Evangeliums in Szene, der Betrachter des Blattes findet hier den Hell-Dunkel-Kontrast als ein Mittel zur Komposition des Bildes auf die Höhe getrieben. Die fortgeschrittene Abnutzung der Druckplatte und vielleicht die Verwendung von zu viel Druckerschwärze machen das vorliegende Blatt - in seinem I. Zustand nur noch selten erhalten und bereits zu Lebzeiten Rembrandts ein kleines Vermögen wert - mitunter schwer lesbar.


Francisco de Goya, Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, 1799, Aquatinta
Francisco de Goya, Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, 1799, Aquatinta

Francisco José de Goya y Lucientes

Fuendetodos (Aragón) 1746 - 1828 Bordeaux

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

1799, Aquatinta und Ätzradierung, Auflage von 1853

Blatt 43 aus der 80-teiligen Folge Los Caprichos

Landesmuseum Hannover, Kupferstichkabinett,

Inv.-Nr. Gr. 1951,7

Mit seinen 1799 in erster Auflage erschienenen Caprichos legte Goya in Madrid einen Katalog gesellschaftlicher Missstände vor, der nur wenige Tage später von der spanischen Inquisition wieder aus dem Handel genommen wurde. Goyas Kritik der menschlichen Irrtümer, Absonderlichkeiten und Laster als ein Konvolut von Capriccios, mithin Launen, Grillen, Einfällen, Erfindungen zu deklarieren, hatte ihre Herausgabe nicht vor dem repressiven Zugriff der kirchlichen Behörden bewahren können. Die Verkaufsstelle für seine Druckgraphik, ein Geschäft für Liköre und Parfum in der Calle del Desengaño, der Straße der Enttäuschung, hätte kaum besser gewählt sein können.

Das vorliegende Blatt war ursprünglich als Titel der Folge vorgesehen, wanderte dann aber an seinen heutigen Ort und leitet den dritten Teil der Caprichos ein, in dem sich die gesellschaftliche Verkommenheit, Vorurteile, Aberglaube und deren Missbrauch durch die Kirche ins Bild gesetzt finden. In der über ihrem Schreibtisch eingeschlafenen Person, über die allerlei Nachtgetier hereinflattert, mag Goya selbst zu erblicken sein. Eine Eule, im Spanien des 18. Jahrhunderts Sinnbild der Finsternis, Rückständigkeit und Ignoranz, reicht dem Schlafenden einen Pinsel hin, als wolle sie von ihm die Niederschrift seiner Träume erzwingen.


Albrecht Dürer, Der Heilige Hieronymus in seinem Gehäuse, 1514, Kupferstich
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