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Provenienzforschung am Landesmuseum Hannover

Provenienzforschung ist eine historische Teildisziplin, die sich der Erforschung der Herkunft (Provenienz) von Kunst-, Kultur- und Archivgütern widmet und im Bereich der Kunstgeschichte u.a. zur Echtheitsbestätigung von Kunstwerken herangezogen wird. In diesem klassischen Sinn wurden Provenienzrecherchen auch stets am Landesmuseum (früher: Provinzialmuseum), z. B. für die wissenschaftliche Bearbeitung und Veröffentlichung der eigenen Sammlungsbestände, durchgeführt.

In den vergangenen Jahren haben Fragen der Museumsethik auf nationaler und internationaler Ebene stetig an Bedeutung gewonnen. Nationen, Bevölkerungs- und Personengruppen sowie Einzelpersonen erheben verstärkt Anspruch auf die Rückgabe von Kultur- oder Naturerbe, das sie durch verfolgungsbedingten Entzug, durch Raub oder Beutenahme in Kriegen oder bewaffneten Konflikten, durch Folgen der Kolonisation oder durch illegalen Handel verloren haben.

Im Dezember 1998 wurden auf der »Washingtoner Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust« elf Grundsätze vereinbart. Die 44 unterzeichnenden Staaten erklärten ihre Bereitschaft, die Bestände in öffentlichen Sammlungen weiterhin zu erforschen, um Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückerstattet wurden, zu identifizieren und gegebenenfalls an die Vorkriegseigentümer oder deren Erben zu restituieren. Im Dezember 1999 haben Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände diese Selbstverpflichtung in einer »Gemeinsamen Erklärung« bestätigt. Seitdem sind alle öffentlichen Träger von Museen, Archiven und Bibliotheken aufgerufen, ihre Unterlagen zu erschließen, Informationen und Forschungsstände offen zu legen, Bestände zu überprüfen und Objekte mit unklarer oder auffälliger Provenienz zu veröffentlichen. Als zentrale Einrichtung fungiert hierfür seit 2000 die Lost Art Internet Database.

Provenienzforschung ist damit ein wesentlicher Teil der Museumsarbeit geworden. Das Landesmuseum Hannover folgt seit 2008 seiner erklärten Verpflichtung, sich an der aktiven Suche nach möglichen unrechtmäßigen Besitzverhältnissen zu beteiligen. Im Rahmen eines vom Land Niedersachsen und der Arbeitsstelle für Provenienzforschung Berlin geförderten Projekts wurden zunächst die Bestände der Landesgalerie aus dem Eigentum der Provinz Hannover bzw. des Landes Niedersachsen systematisch auf ihre Herkunft hin überprüft. 2013 wurde schließlich eine für alle Fachbereiche zuständige Stelle für Provenienzforschung fest am Haus etabliert, das sich damit zur dauerhaften proaktiven Suche nach unrechtmäßigen Besitzverhältnissen bekennt.

Die Recherchen erstrecken sich auf die Altbestände aus dem Eigentum der Provinz Hannover bzw. des Landes Niedersachsen sowie auf Neuzugänge. Das Hauptaugenmerk richtet sich auf die Identifizierung von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kunst- und Kulturgütern. Grundsätzlich sind jedoch sämtliche kulturelle und historische Entstehungs-, Auffindungs- oder Erwerbskontexte von Kunst-, Kultur- oder Naturgütern sowie mögliche Besitzwechsel unter besonderer Berücksichtigung aller kritischen Zeiträume, wie z. B. der Kolonialzeit oder der SED-Diktatur, zu untersuchen.

Ausgangspunkt der Recherchen sind die Objekte selbst sowie die hauseigenen Inventare und Archive. Die Mehrzahl der Altakten des Provinzial- bzw. Landesmuseums, darunter die Ankaufs- und Angebotsakten der Kunstabteilung/ Landesgalerie, werden im Hauptstaatsarchiv Hannover verwahrt und sind dort online recherchierbar.

Vorrangiges Ziel ist es, die Herkunft von Objekten oder Sammlungskonvoluten möglichst lückenlos zu dokumentieren, um mögliche unrechtmäßige Besitzverhältnisse sowie problematische Erwerbs- oder Aneignungskontexte zu identifizieren und offenzulegen. Darüber hinaus liefert die Erforschung der Herkunft-, Sammlungs- und Eigentumsgeschichte vielfältige Erkenntnisse zu den untersuchten Objekten selbst sowie zu kulturellen, historischen oder biografischen Zusammenhängen. Auf diese Weise kann Provenienzforschung dazu beitragen, die Geschichte des eigenen Hauses und seiner Bestände weiter zu erhellen.

Mit Wirkung zum 1. Januar 2015 haben Bund, Länder und Kommunen die

Stiftung »Deut­sches Zentrum Kulturgutverluste« gegründet. Das Zentrum mit Sitz in Magdeburg vereint die bisherigen staatlichen Einrichtungen und Stellen im Bereich der Provenienzforschung und führt u. a. die Aufgaben der Koordinierungsstelle Magdeburg und der Arbeitsstelle für Provenienzforschung fort.

Flankierend dazu hat das Land Niedersachsen ein Netzwerk errichtet, das die Kräfte und Kompetenzen auf Landesebene bündeln und mit den Initiativen des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste verzahnen soll. Die Koordinationsstelle des Netzwerks »Provenienzforschung in Niedersachsen« ist am Landesmuseum Hannover angesiedelt.


Kontakt:
Dr. Claudia Andratschke
Provenienzforschung
claudia.andratschke@landesmuseum-hannover.de

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