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Die Goldene Tafel aus Lüneburg

Forschungen zu Technik, Gestalt, Kontext und Bedeutung eines Retabels um 1400

Das Landesmuseum Hannover führt in Kooperation mit der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, der Goethe-Universität Frankfurt und der HAWK Hildesheim ein großes, interdisziplinäres Forschungsprojekt zur „Goldenen Tafel" durch, dem Hauptwerk seiner Mittelaltersammlung. Das vierjährige Vorhaben zielt auf eine umfassende kunsthistorische und kunsttechnologische Erforschung des Werks ab. Die VolkswagenStiftung fördert das Projekt großzügig im Rahmen des Programms „Forschung in Museen" mit einem Betrag von 540.000 Euro. Zu den weiteren Förderern zählt die Klosterkammer Hannover.


Der Gegenstand des Projekts

Zum kostbarsten Besitz des Landesmuseums Hannover gehört ein Hauptwerk der Internationalen Gotik um 1400, die sog. „Goldene Tafel", die einst als Hochaltarretabel der Benediktinerklosterkirche St. Michaelis zu Lüneburg diente. Dem Rang des Ortes - St. Michaelis war die mit kaiserlichen Privilegien ausgestattete Grablege der sächsischen Herrscherfamilie der Billunger und später der Welfen - entsprechen Größe und Anspruch des im 18. Jahrhundert aufgelösten Ensembles. Davon geben die erhaltenen Bestandteile beredtes Zeugnis: Das Landesmuseum bewahrt die beidseitig dekorierten Außen- und Innenflügelpaare des zweifach wandelbaren Retabels, das im geschlossenen Zustand als monumentale Einzelszenen die Kreuzigung Christi und deren alttestamentlichen Typus, die Aufrichtung der Ehernen Schlange, zeigt. Öffnet man die Außenflügel, so erzählt ein auf den Innenseiten der Außenflügel und den Außenseiten der Innenflügel angebrachter Bilderzyklus in 36 Szenen das Leben Christi und Mariens. Bei der zweiten Wandlung schließlich kommt in feiner Rangabstufung der Gattungen die Skulptur zum Vorschein. Die in zwei Register gegliederten Innenseiten der Innenflügel nehmen 20 aus Eichenholz geschnitzte Statuetten von Heiligen ein. Bis auf einige Fragmente der Zierarchitektur verloren ist dagegen das Schreingehäuse, dessen beachtliche Größe von ca. 231 x 370 cm sich aus den Flügeln erschließen lässt. Ausweislich eines Kupferstichs von 1700 barg der Schrein neben diversen Reliquiaren (Landesmuseum Hannover; Museum August Kestner Hannover) eine zweitverwendete Goldschmiedearbeit mit getriebenen Reliefs der Maiestas Domini und mehrerer erzählender Szenen. Dieser tabula aurea verdankt das Retabel seinen Rufnamen. Malerei und Skulpturenfassung sind noch erstaunlich vollständig, wenn auch in einigen Bereichen akut gefährdet und insgesamt nicht mehr in ihrem ursprünglichen farbigen Erscheinungsbild erhalten.

Zu einem herausragenden und besonders ertragversprechenden Studienobjekt machen die Goldene Tafel nicht nur der hohe künstlerische Rang und die technische Brillanz ihrer Malerei und Skulptur, die zum Besten zählen, was die Internationale Gotik hervorgebracht hat. Es ist auch der komplexe, auf die Funktion als Wandelretabel abgestimmte Aufbau des Werks, das in der Kombination unterschiedlicher Gattungen und Techniken wie der Integration von Reliquien und einer älteren Goldschmiedearbeit als „Spolie" ein programmatisch durchdachtes Ensemble bildet. Zudem fordert die historische Verbindung mit der hochadeligen Grablege von St. Michaelis eine Erklärung der Zusammenhänge von Gestalt, Programm und Funktion der Goldenen Tafel heraus.


Stand der Forschung

Zur Untersuchung dieser verschiedenen Dimensionen des Retabels bedarf es eines integralen Ansatzes, der das methodische Spektrum der Kunstgeschichte mit dem der Kunsttechnologie verbindet. Bisher hat sich die Forschung indes fast ausschließlich auf Fragen der Lokalisierung und Händescheidung kapriziert und dabei freilich recht vage Parallelen zur kölnischen wie zur westfälischen Malerei um 1400 konstatiert. Der umfangreichste Beitrag zum Thema ist Rainer Blaschkes Dissertation von 1976, in der der Verfasser die These aufstellte, zwei Meister, ein älterer niedersächsischer Maler und ein „moderner" kölnisch geschulter, hätten nacheinander an dem Retabel gearbeitet, wobei er als erster auch die Unterzeichnung in seine Argumentation mit einbezog. Aus heutiger Perspektive erscheinen seine technischen Möglichkeiten der Befunderhebung freilich so begrenzt, dass man auch den daraus gezogenen Schlüssen mit Skepsis begegnet. Völlig ungewiss ist bis heute auch die Zeitstellung des Retabels mit Datierungen, die zwischen 1390 und den 1430er Jahren schwanken. Erst die Beiträge des 2007 anlässlich der Neuerwerbung einer zur Goldenen Tafel gehörigen Statuette durch das Landesmuseum Hannover publizierten Patrimonia-Bandes haben neue Forschungsperspektiven aufgezeigt und weiterführende Fragen gestellt, die in diesem Projekt systematisch verfolgt werden sollen. Anknüpfungspunkt ist dabei das 2006 abgeschlossene Projekt zur Erforschung und Restaurierung des Barfüßer-Retabels (1424) im Landesmuseum.


Fragestellungen und Forschungsziele

Von historischer und kunsthistorischer Seite sind zunächst die geschichtlichen Umstände und Bedingungen der Enstehung des Retabels im Zusammenhang mit dem Lüneburger Erbfolgestreit und dem Neubau des Michaelisklosters als fürstlicher Grablege zu erforschen. Die Wiedererrichtung des Hausklosters der Billunger und Welfen ab 1373 zählte zu den zentralen Strategien, mit denen die Welfen ihre Macht zurückzugewinnen suchten. Vor allem soll hier untersucht werden, wie sich die Entstehungsgeschichte der Goldenen Tafel in diesen historischen Kontext einfügen lässt und inwiefern die herzogliche Familie als Auftraggeber des Retabels in Betracht kommen könnte. Eine zentrale Rolle spielt dabei neben der Baugeschichte der Reliquienschatz der Goldenen Tafel.

Durch eine Auswertung von Text- und Bildquellen wird die Geschichte des Retabels bis zur Musealisierung rekonstruiert, einschließlich der Veränderungen am materiellen Bestand und der Restaurierungsgeschichte, um damit auch detailliertere Erkenntnisse über dessen ursprüngliche Gestalt zu gewinnen.

Kaum Beachtung hat bislang das komplexe Bildprogramm gefunden, bei dessen Analyse insbesondere der Zusammenhang zwischen heilsgeschichtlicher Botschaft und systematischer Verteilung der einzelnen Figuren und Szenen zu berücksichtigen ist, d. h. die planmäßige Zuordnung zu den drei aufeinander folgenden Wandlungszuständen des Retabels.

Präziser als bisher zu bestimmen bleibt auch die Einordnung des Werks in die spätmittelalterliche Retabeltypologie, insbesondere was die Kombination der Gattungen und die mehrfache Wandelbarkeit anbelangt. Hier eröffnet sich ein weites Feld von Fragen: Wie verhält sich die Goldene Tafel zu den Reliquienaltären des 14. Jahrhunderts? Welche Rolle spielt die Wiederverwendung von älteren Bestandteilen in anderen Retabeln? Des weiteren soll die liturgische Topographie, d. h. der bislang kaum reflektierte Bezug des Retabels zu seinem ursprünglichen Aufstellungsort im Kirchenraum von St. Michaelis und zu dessen sonstiger Ausstattung, beleuchtet werden. Als Ergebnis des ersten Untersuchungsteils wird die Funktion der Goldenen Tafel als Wandelretabel, Reliquienschrein und Auszeichnung einer fürstlichen Grablege wesentlich präziser als bisher zu greifen sein.

In enger Verzahnung mit der kunsthistorischen Untersuchung werden die kunsttechnologischen Forschungen von wissenschaftlichen Restauratoren durchgeführt und von spezialisierten Naturwissenschaftlern (conservation scientists) unterstützt. Hier kommen verschiedenste technische Analyse- und Bildgebungsverfahren zum Einsatz: Die Stereomikroskopie ist das wichtigste Mittel zur Bestandsanalyse. Zur Dokumentation wird sie begleitet von der digitalen Mikro- und Makrofotografie bei Auf- und Streiflicht. Alle einschlägigen strahlendiagnostischen Verfahren - Röntgen-, UV-Untersuchung, digitale IR-Reflektografie - werden durchgeführt, weiterhin Holz-, Pigment- und Bindemittelanalysen, dendrochronologische Untersuchungen (Jahrringmessungen) sowie Schichtenanalysen anhand von Querschliffen.

Die systematische Bestandserfassung und Kartierung wird die Basis aller weiteren kunsttechnologischen Auswertungen und auch für die kunsthistorische Interpretation relevant sein. Zur technologischen Bestandserforschung gehören:

- die Analyse der Werktechnik und Retabelkonstruktion

- die Analyse des originalen Schichtenaufbaus sowohl im Bereich der Malerei wie auch an den Fassungen der Schreinskulpturen und der erhaltenen Reliquiare aus gefasstem Holz

- die Analyse der Unterzeichnungsmittel und Bildvorbereitungsverfahren

- die Erfassung der Punzierungen und Punzierwerkzeuge

- die Erfassung der aufwendigen Brokatstoffimitationen hinsichtlich ihrer Materialität und des Musterrepertoires

- die Analyse von Farbveränderungen; sie soll unsere Vorstellung vom originalen Erscheinungsbild des Retabels erweitern und korrigieren.

Schließlich soll mit der Erfassung aller späteren Veränderungen und Hinzufügungen am Objekt einerseits, der Archivrecherche andererseits die Geschichte des Altarwerks und seiner Restaurierungen erforscht und so weit als möglich rekonstruiert werden.

Bei der Auswertung der zu erwartenden Fülle an technischen Informationen und kunsthistorischen Forschungsergebnissen wird erst der Gewinn der interdisziplinären Struktur dieses Projektes voll zu Tage treten. Folgende Fragen stehen bei der von Kunsthistorikern, Historikern und Restauratoren gemeinsam zu führenden Forschungsdebatte im Vordergrund:

Welche Hinweise auf den möglichen Entstehungsort und die Zeit geben die Ergebnisse der Jahrringmessungen, Materialanalysen, Stilvergleiche und historischen Recherchen? Sind die Skulpturen am selben Ort wie die Gemälde entstanden oder handelt es sich um Importwerke? War die Malerwerkstatt auch für deren Fassung zuständig? Welche Erkenntnisse über den Entstehungsprozess, die Aufgabenverteilung und die Werkstattstruktur sind an Malerei und Fassung der Goldenen Tafel ablesbar? Welche Werkstatteinflüsse und Traditionszusammenhänge lassen sich nachweisen? Hier werden die Gemälde und Skupturen präziser als bisher mit Werken aus Köln, Westfalen, der Küstenregion um Hamburg und Lübeck sowie dem heutigen Niedersachsen sowohl unter technologischen als auch stilistischen Gesichtspunkten zu vergleichen sein. Aufschluss über diese und ähnliche Fragen versprechen wir uns auch von der erstmaligen systematischen Untersuchung der Unterzeichnung mittels Infrarot-Reflektographie.

Die Zusammenführung aller gewonnenen Erkenntnisse wird schließlich in ein Kolloquium und in eine Sonderausstellung im Landesmuseum Hannover münden, in der die Goldene Tafel auch nach einem konservatorisch und statisch abgesicherten Konzept im Sammlungskontext neu präsentiert wird. Eine umfangreiche Publikation der Forschungen für die Wissenschaft und vielfältige Maßnahmen zur Kommunikation des Projekts für die breitere Öffentlichkeit sollen dazu beitragen, die Bedeutung des Retabels als wesentlichem Bestandteil des kulturellen Erbes im Bewusstsein zu verankern.




Beteiligte Wissenschaftler


Projektleitung:

Dr. Katja Lembke (Direktorin, Landesmuseum Hannover)

Prof. Dr. Bernd W. Lindemann (Direktor, Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin)

Dr. Antje-Fee Köllermann (Kuratorin Alte Meister, Landesmuseum Hannover )


Fachverantwortung Kunstgeschichte/Geschichte:

Dr. Antje-Fee Köllermann (Kuratorin Alte Meister, Landesmuseum Hannover)

Dr. Stephan Kemperdick (Kustos für altniederländische und altdeutsche Malerei, Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin)

Dr. Peter Knüvener (Wissenschaftlicher Mitarbeiter)

Lukas Weichert, M.A. (Wissenschaftlicher Mitarbeiter)


Fachverantwortung Kunsttechnologie und Konservierung Malerei:

Dr. Babette Hartwieg (Ltd. Restauratorin, Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin)

Dipl. Rest. Eliza Reichel (Wissenschaftliche Mitarbeiterin)


Fachverantwortung Kunsttechnologie und Konservierung Skulptur:

Dipl.-Rest. (FH) Iris Herpers (Ltd. Restauratorin, Landesmuseum Hannover)

Dipl. Rest. Bernadett Freysoldt (Wissenschaftliche Mitarbeiterin)


Durchführung und Auswertung der Untersuchung mittels Infrarot-Reflektographie:

Univ.-Prof. Dr. Jochen Sander (Städel-Kooperationsprofessur, Goethe-Universität Frankfurt)


Naturwissenschaftliche Forschung:

Prof. Dr. Henrik Schulz (Archäometrie-Labor, Hochschule für angewandte Kunst Hildesheim)


Vorschaubild Die Goldene Tafel in geöffnetem Zustand, Kupfertsich von Johann Christoph Böcklin, 1700
Vorschaubild Derzeitige Aufstellung der Goldenen Tafel im Landesmuseum Hannover (Außenseiten der Außenflügel und Innenseiten der Innenflügel)
Vorschaubild Goldene Tafel, Außenseite des linken Außenflügels, 1400/20.jpg
Vorschaubild Goldene Tafel, Kreuzigung Christi (Außenseite des rechten Außenflügels), um 1400/20
Vorschaubild Goldene Tafel, Innenseite des linken Außenflügels, 1400/20.jpg
Vorschaubild Goldene Tafel, Szenen aus dem Leben Christi und Mariens (Außenseite des linken Innenflügels), um 1400/20
Vorschaubild Goldene Tafel, Außenseite des rechten Innenflügels, 1400/20.jpg
Vorschaubild Goldene Tafel, Innenseite des rechten Außenflügels, 1400/20.jpg
Vorschaubild Goldene Tafel, Geburt Christi (Detail der Innenseite des linken Außenflügels), um 1400/20
Vorschaubild Goldene Tafel, Auferstehung Christi (Detail der Außenseite des rechten Innenflügels), um 1400/20
Vorschaubild Goldene Tafel, Die Heiligen Bartholomäus und Johannes Evangelista (Details der Innenseite des linken Innenflügels), um 1400/20
Vorschaubild Goldene Tafel, Innenseite des linken Innenflügels, um 1400/20
Goldene Tafel, Die Heiligen Bartholomäus und Johannes Evangelista (Details der Innenseite des linken Innenflügels), um 1400/20

Goldene Tafel, Die Heiligen Bartholomäus und Johannes Evangelista (Details der Innenseite des linken Innenflügels), um 1400/20

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